Karfreitag mal anders…

Ich entstamme väterlicherseits einer durchaus als religiös zu bezeichnenden protestantischen Familie. Für meine Person muss ich allerdings gestehen, dass es mit meiner Religiosität nicht allzu weit her ist. Ich bin eher der klassische „Ich möchte irgendwie schon gerne an etwas glauben können und ich gehe außerdem gerne Weihnachten in die Kirche“ Christ – soweit man eine derartige Einstellung überhaupt als „Christ sein“ bezeichnen kann. Dass ich in meiner Jugend, teils von sehr linken Ansichten geprägt, nicht komplett in den Atheismus abgeglitten bin, habe ich höchstwahrscheinlich auch diesen gefestigten protestantischen Wurzeln zu verdanken. Somit könnte man mich grundsätzlich wohl als einen agnostischen Theisten bezeichnen.

Ich hatte bis jetzt aber auch noch nie die Absicht aus der Kirche auszutreten. Das hat vor allem den Grund, dass ohne die Kirchen – egal wie kritisch man sie und ihr Verhalten auch beurteilen kann und muss – unser Sozialsystem komplett zusammen brechen würde. Und dafür bin ich zu solidarisch veranlagt. Aber das ist ein anderes Thema und soll an dieser Stelle jetzt nicht diskutiert werden.

Für mich bedeutet Religiosität auch eher die Orientierung an ein bestimmtes Wertesystem als der Glaube an einen konkreten Gott. Ich meine damit nicht diese ominösen „christlich-jüdischen Wurzeln“, mit denen konservative Menschen und intolerante Politiker glauben, ihre kruden und menschenfeindlichen Weltbilder rechtfertigen zu können.  Ich bin aber der Ansicht, wenn wir uns nur die Mühe geben würden nach den grundsätzlichen Lehren des Christentums zu leben, könnte es bei uns wahrscheinlich etwas ziviler und gerechter zugehen. Wobei ich das ursprüngliche Fundament des Christentums meine und nicht das theologische Gebilde, das die Kirchen (und vor allem eine ganz bestimmte!) in 2000 Jahren aus dieser Lehre verformt haben. Ich habe mir im Laufe meiner Existenz  die Meinung gebildet, dass menschliche Gesellschaften sich immer auf ein konkretes (solidarisches) Wertesystem als Basis einigen müssen, um halbwegs vernünftig und auf Dauer funktionieren zu können. Und dass man in dieser Gemeinschaft auch nur dann glücklich leben kann, wenn das Wertesystem ein soziales, tolerantes und humanistisches ist.

Vielleicht wirkt unsere Welt im Moment deshalb auf viele von uns so durcheinander und gefährlich, weil uns in Europa das christliche Wertsystem (auch mit allen seinen sozialen Errungenschaften) gerade abhanden kommt und wir noch kein  neues System für menschliches Zusammenleben gefunden haben. Der neonliberale Kapitalismus, welcher unsere Welt gerade hauptsächlich prägt und lenkt, funktioniert jedenfalls nicht sonderlich gut. Die letzen 30 Jahre haben vor allem eines bewiesen: Menschliches Zusammenleben auf der Basis von uneingeschränktem Egoismus und der totalen Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen ist kein erstrebenswertes und gut funktionierendes Zusammenleben. Was die paar wenigen Gewinner im System wahrscheinlich anderes sehen, aber der Großteil der Weltbevölkerung wird mir da wohl zustimmen.

Ich stelle fest, dass mir dieser Text gerade zur Osterpredigt mutiert. Dabei sollte die Einleitung doch nur dazu dienen, zu erläutern, dass ich Veranstaltungen wie den Kreuzweg im Henninger Keller, offiziell als Gott im Berg bekannt, nicht nur aus reinem Interesse, sondern durchaus auch aus spirituellen Gründen besuche. Dieses von der Erlanger ELIA-Gemeinde zu Ostern veranstaltete Event habe ich jedenfalls dieses Jahr das erste Mal besucht. Das ist eine von diesen Veranstaltungen, von denen das Frauchen und ich immer erst in der Zeitung lesen, wenn sie vorbei sind und wir uns dann vornehmen, es nächstes Jahr besser zu machen – meist vergeblich.

Da aber die Lieblingsnichte und eine Lieblingsnichtenfreundin die erste Osterferienwoche bei meiner Mutter verbrachten, haben wir diesmal rechtzeitig daran gedacht. Man will als Onkel den Mädels schließlich mehr bieten als nur Burgerfuttern am Gründonnerstagabend.

Die Mädels und wir waren dann auch ganz schön „deeply impressed“ vom Event. Im Henninger Keller, ein Bierkeller in unserem schönen Burgberg mit den längsten Stollen, wurde ein mit Kerzen und Lichtinstallationen beleuchteter Kreuzweg installiert. Dieser erzählte an seinen Stationen nicht nur die Passion Christi, sondern versuchte immer wieder die Leidensstationen mit unserer modernen Zeit zu verknüpfen. Oder wenigstens bewusst zu machen, wie sich die Leidensgeschichte anfühlen musste. Das alles unabhängig davon, ob man die Geschichte jetzt glaubt oder nicht.

Was mich außerdem noch beeindruckt hat: Die Mühe und der gigantische Aufwand, der hinter dieser Aktion seht. Da haben sich eine Menge Leute ziemlich angestrengt. Prädikat: Empfehlenswert!

Ein paar Impressionen

 

One thought on “Karfreitag mal anders…

  • 19. April 2017 at 16:36
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    beeindruckend und tolle Bilder

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