Ich hab da was gelesen…

… und zwar »Mendelssohn auf dem Dach«.

Als letztes Jahr Anfang Dezember Covid-19 zum ersten Mal bei einem Menschen diagnostiziert wurde, streunten die Gemahlin (damals noch als “Gefährtin”) und meine Wenigkeit völlig ahnungslos durch die wunderschöne Stadt Prag. Wir hatten nicht den Hauch einer Ahnung, was bereits drei Monate später in Europa und auf der Welt los sein würde.

Das Wetter war kalt und winterlich und Prag hatte sich für die Adventszeit wundervoll weihnachtlich herausgeputzt. Jede Straßenecke, die auch nur ansatzweise Platz dafür bot, war mit einem Weihnachtsmarkt belegt.

Somit geriet unser Sightseeing auch zu einer dreitägigen Glühwein- und Trdelnik-Orgie. Letzeres, in Deutschland auch unter den profanen Namen “Baumstriezel” bekannt, ist eine über Holzkohle zubereitet süße Köstlichkeit, welche ich bis zum Erbrechen in mich hineinstopfen könnte.

Aber davon will ich hier eigentlich gar nicht erzählen, sondern von einem besonderen Buch über Prag, das ich gerade gelesen habe.

»Mendelsson auf dem Dach« von Jiri Weil.

Buchcover Mendelsohn auf den Dach

Das Buch hat mir meine Mutter letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt. Meine Mama macht sowas gerne: Bücher verschenken, die sich auf Reisen, Orte oder andere Ereignisse beziehen, die ihren Lieben gerade passiert sind. Da mein Bücherstapel seit längerem recht hoch ist, war ich im Coronajahr aber erst einmal damit beschäftigt, diesen Stapel etwas kleiner zu lesen. Es musste fast ein Jahr ins Land gehen, bevor ich mich endlich mit »Mendelssohn auf dem Dach« von Jiri Weil beschäftigen konnte (ich glaube, meine Mama war deswegen schon fast ein bisschen beleidigt).

Und hätte ich doch nur gewusst, was für ein interessantes Buch das ist – dann hätte ich mich sofort ans Lesen gemacht…. Ich schreibe bewusst nicht “schönes” Buch, denn in »Mendelssohn auf dem Dach« beschäftigt sich der tschechische Autor Jiri Weil mit der deutschen Besetzung von Prag und der Tschechoslowakei von 1939 bis 1945 – wahrlich kein “schönes” Thema. Wer gerne mehr über das nicht sonderlich glückliche und auch zu kurze Leben dieses Autors wissen will, liest bitte in der Wikipedia nach.

»Mendelssohn auf dem Dach« ist die Darstellung des von den Deutschen besetzten Prags und deren Schreckensherrschaft anhand verschiedener Einzelschicksale, die alle auf gewissen Art und Weise durch den ersten Handlungsfaden des Buchs miteinander verknüpft sind:

Der stellvertrende Reichsprotektor (und Organisator der Endlösung der Judenfrage) Richard Heydrich hat gerade das Konzerthaus Rudolfinum zum “Haus der deutschen Kunst” umwidmen lassen und muss dabei entdecken, dass sich unter den Statuen von Komponisten, die das Dach des Konzerthauses zieren, auch eine des Juden Mendelssohn-Bartholdy befindet. Also muss ein nicht sonderlich intelligenter SS-Angehöriger mit zwei unmotivierten tschechischen Arbeitern aufs Dach und die Statue entsorgen. Dumm nur, dass keiner von Ihnen weiß, wie Mendelsohn-Bartholdy eigentlich aussieht und die Statuen nicht beschriftet sind. Aber dann hat SS-Anwärter Schlesinger eine geniale Idee: Juden haben bekannterweise große Nasen, also muss die Statue mit der größte Nase der jüdische Komponist sein. Dumm wiederum nur, dass die Statue mit der größten Nase die von Richard Wagner ist….

Wer jetzt allerdings glaubt, bei »Mendelssohn auf dem Dach« handele es sich um eine Satire über dumme Nazis, wird vom weiteren Verlauf der Handlung wohl enttäuscht werden. Denn anschließend begibt sich Jiri Weil erst einmal in den Kopf Heydrichs und lässt diesen über die Überlegenheit der “deutschen Rasse” sowie seine Aufgabe der “Endlösung der Judenfrage” sinnieren. Dem Leser wird jetzt schnell klar, in welche Richtung die Reise geht:

Jiri Weil zeichnet ein von Setie zu Seite beklemmender werdendes Bild von Prag und seinen Bewohnern während der deutschen Besatzung. Er erzählt von Verfolgung und der Deportation der jüdischen Bevölkerung. Vom Terror der SS, der Gestapo und der Wehrmacht. Von Theresienstadt. Er erzählt von Kollaboration und persönlicher Bereicherung. Er erzäht auch vom Widerstand und beschreibt das Attentat auf Heydrich aus dessen persönlicher Perspektive. Und während Heydrich dann sterbend seine Aktentasche mit den Unterlagen zu Endlösung umklammert, kann sich der Leser nicht über den Tod des Bösen freuen, denn er weiß, welches Leid dieser Tod letztendlich noch verursachen wird.

Und je mehr man den tschechischen und jüdischen Protagoniste wider besseren Wissens ein glückliches Ende wünscht, umso mehr verengt sich die Handlung und das Schicksal aller Beteiligten zur vollkommenen Aussichtslosigkeit. Am Ende des Buches werden alle tschechischen Protagonisten, ob Juden, Widerstandskämpfer, Kollaborateure oder zufällig ins Visier der Deutschen geratene Unbeteiligte tot oder auf dem Weg ins Verderben sein.

Und nicht einmal die Aussicht auf Rache bleibt dem Leser, geschweige denn eine Hoffnung auf wahre Gerechtigkeit.

Juri Weil zeichnet in seinem verhältnismäßig kurzen Roman das Bild des Grauens, das die Deutschen, ihr Faschismus und ihre entsetzlich Rassenideologie im letzten Jahrhudert über Europa und die Welt gebracht haben. Er tut dies in einfacher Prosa und mit klaren Worten.

»Mendelssohn auf dem Dach« ist ein Buch, das ich gerade in dieser Zeit, in welcher in diesem Land wieder Faschisten in Parlamente gewählt werden, zur Lektüre empfehle. »Mendelssohn auf dem Dach« erinnert eindringlich daran, welchen Horror und welches Grauen die Deutschen und ihr Faschismus schon einmal über dieses Welt gebracht haben – und dass sich das niemals wiederholen darf! Gerade in 2020 eine wichtige Botschaft.

Meine Empfehlung: Unbedingt lesenswert!

Das Buch in der kleine Buchhandung meines Vertrauens um die Ecke (Entweder dort bestellen oder ISBN notieren und in der eigenen kleinen Buchhandung kaufen. Denn wer Bücher bei amazon ordert, bekommt schlechtes Karma! Punktum!)

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